foto: apostolos sahas
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Geschichte

Der Name Tarantella taucht erstmals im 17. Jahrhundert in Apulien als Bezeichnung für einen therapeutischen Tanz auf. Vermutlich leitet er sich von der Stadt Tarent ab, nach der auch die Tarantel benannt ist, eine im Mittelmeerraum beheimatete Spinne. Die Tänze entstanden im Zusammenhang mit dem im Mittelalter in Süditalien verbreiteten Tarantismus, der auf den Irrglauben an den Biss der Tarantel zurückgeht. Demnach führte der schmerzhafte Biss zu einer Gemüts-Krankheit, einer Art Besessenheit durch die Tarantel. Der wilde Tanz sollte die Betroffenen heilen: Die Musiker kamen ins Haus des Patienten oder auf den Marktplatz und begannen zu spielen. Die vermeintlich Gebissenen tanzten bis zur völligen Erschöpfung, um das Gift aus dem Körper zu treiben. Aus heutiger Sicht ist dies eine Imagination bzw. Autosuggestion – also nichts weiter als eine Einbildung der Betroffenen, deren harter Arbeitsalltag auf den Feldern mit täglichen Schmerzen verbunden war. Der Biss der Tarantel ist daher symbolisch zu verstehen als Herausforderung für die musikalische Therapie von körperlichen und seelischen Leiden.

Als ritueller Tanz taucht die Tarantella dann in mehreren literarischen und ikonografischen Dokumenten in Neapel auf. Sie wurde zum wichtigsten Tanz von Neapel und ganz Süditalien. Es war die Zeit, als der Mittelmeerraum noch von Göttern und Geistern bevölkert war und man sich als Mittelpunkt eines magischen Universums glaubte. Im Verlauf der Jahrhunderte verschwand die Welt der Götter mehr und mehr aus der Mittelmeerkultur. Sie machten neuen Religionen und Philosophien Platz, die den Tanz als eine folkloristische Darstellung und ein vergnügliches Spiel oder bestenfalls als eine Form von Exorzismus und religiöser Hingabe betrachteten. Trotzdem haben sich die alten Tänze in den Regionen Süditaliens über die Jahrhunderte erhalten und weiter verbreitet – und dabei ihre innere Bedeutung behalten.

Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, griffen viele bedeutende Komponisten die Tarantella in ihren Werken auf. So befassten sich beispielsweise Franz Schubert, Gioacchino Rossini oder Frédéric Chopin mit dieser Musikform. Aber auch bis in die Neuzeit blieb die Tarantella für Komponisten großer Orchesterwerke interessant: Kurt Weill komponierte die Gerichtsszene seiner Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als Tarantella, der zweite Satz von John Coriglianos erster Sinfonie aus dem Jahr 1990 trägt die Bezeichnung des Tanzes, und Elliot Goldenthal schrieb für sein 1998 entstandenes Ballett „Othello“ eine Tarantella von vierzehnminütiger Dauer.

Nachdem die traditionelle Musik in den 1960er Jahren in Italien fast vollständig verdrängt war, entdeckte Roberto de Simone in den 70er Jahren mit der Oper „La Gatta Cenerentola“ das musikalische Erbe der Tarantella wieder. Das Werk basiert auf Erzählungen aus dem Band „Lu cunto del li cunti“ in neapolitanischem Dialekt von Giambattista Basile aus dem Jahre 1600. De Simone erforschte die Gesänge, Tänze und Instrumente, führte sie auf und erweckte sie damit zu neuem Leben. Die Oper war in der ganzen Welt auf Tournee und ein großer Erfolg.

Heute interessiert man sich in Italien wieder verstärkt für die Tarantella. Auch wenn der Glaube an den Biss der Tarantel nicht mehr existiert, versuchen sogenannte „Neotarantati” die Symbolik der alten Volkskultur zu erhalten. Diese Rückbesinnung auf die alte Kultur resultiert aus Unannehmlichkeiten und existenziellen Problemen der modernen Gesellschaft. Die Funktion der Musik ist damit bis heute die gleiche geblieben. Das neue Interesse für die Tänze steht für ein zunehmendes Selbstbewusstsein und Bekenntnis zur eigenen Kultur. Mittlerweile gibt es Tarantella-Festivals in ganz Italien und Musikgruppen, die sich dieser traditionellen Musik auf neue Weise annehmen.